| Von Andreas März
Valtellina war für mich persönlich nie ein Thema. Als Schweizer
kriegte ich in den Sechziger-und Siebzigerjahren zuviel davon. Der "Veltliner"
war mir als dünner, säuerlicher und herber Wein in Erinnerung,
der irgendwo - so glaubte ich - im südlichen Graubünden erzeugt
wurde. So verspürte ich im Verlauf der letzten zwanzig Jahre, in
denen ich in Italien lebe, nie je nostalgische Gefühle nach dem
Trunk, dem mein jugendlicher Schädel so manches Brummen zu verdanken
hatte.
Immerhin entdeckte ich in der Zwischenzeit, dass das Veltlin nicht irgendwo
in der Südschweiz, sondern in der norditalienischen Region Lombardei,
und zwar in der Provinz Sondrio liegt. Meine weingeographische Ignoranz
lässt sich vielleicht damit entschuldigen, dass die Schweizer immer
so taten, als wäre der Veltliner ein urhelvetischer Trank und den
Ursprung Italien vor den Weinkonsumenten möglichst verschwiegen.
Die Produzentennamen auf den Weinkarten klangen zudem durchaus bündnerisch,
und ihre Firmensitze lagen in Ortschaften, die schweizerische Postleitzahlen
trugen.
Das Tal, das das Valtellina mit der Schweiz verbindet, heisst Puschlav.
Und das Puschlav liegt, obschon Seitental des Valtellina und mit der
Schweiz nur über den Berninapass verbunden, auf Schweizer Territorium.
Seit frühesten Zeiten war die Schweiz der wichtigste Weinmarkt
in Reichweite und der Veltliner Weinbau daher ganz auf das Nachbarland
im Norden ausgerichtet. Der Veltliner, den kaum jemand mit seinem richtigen,
italienischen Namen Valtellina benannte, genoss bei den Schweizern Zollprivilegien,
die ihn beim Import gegenüber anderen italienischen Weinen stark
bevorzugten. Siebzig Prozent der Valtellina-Produktion - weit über
vier Millionen Liter - flossen noch vor zwanzig Jahren über den
Bernina nach Graubünden und von dort in die restliche Schweiz.
Aber plötzlich mochten die Schweizer keinen Veltliner mehr. Mit
dem Ende der Achtzigerjahre begann die schweizerische Nachfrage rapide
zurückzugehen, der helvetische Veltliner-Konsum schrumpfte in den
Neunzigerjahren auf ein Viertel der früheren Menge zurück.
Die plötzliche Abstinenz ihres Hauptabnehmers löste im lombardischen
Alpental eine Krise aus, die unvorbereitet kam und tiefe Spuren hinterliess.
Vom Sforzato in das Valtellina gelockt
Am Tag bevor er zuschneite und das Unwetter die Strassenverbindung
von der Schweiz ins Valtellina unterbrach, überquerte ich den Berninapass.
Es war mitten im April und ich musste an die Winzer denken, die noch
vor wenigen Jahrzehnten mit ihren Schlitten und zwei Weinfässchen
von Tirano her kommend oben auf dem Bernina ihre Nachtrast einlegten,
in der Frühe des nächsten Tages ihre Reise fortsetzten und
in Samaden oder St. Moritz ihren Wein abluden.
Ich machte mir Gedanken über diesen aus Nebbiolo-Trauben gekelterten
Wein, der von beachtlicher Robustheit gewesen sein musste, um solche
Reisen unbeschadet zu überstehen. Unverwüstlichkeit ist wohl
eine der sortenspezifischen Tugenden des Nebbiolo. Weit mehr noch als
auf den guten alten Veltliner freute ich mich auf den Superwein, weswegen
ich diesen umständlichen Umweg auf mich genommen hatte, den Sforzato.
Der aus angetrockneten Trauben gekelterte Sforzato ist ein kraftvoller,
oft starker, trockener Rotwein, der mit seiner dominanten Präsenz
alle anderen Weine des Valtellina in seinen Schatten stellt. Gegen den
Sforzato verblassen sogar die Weine aus den Spitzenlagen von Sassella
und Grumello. Der Strohwein des Valtellina - manche Erzeuger nennen
ihn Sfursat - setzt beim Konsumenten nicht viel Einstimmung und nicht
viel Weinkenntnisse voraus.
Seine Überkonzentration macht ihn heute, wo solche Weine Mode sind,
zu einem kommerziell sehr erfolgreichen, eben "internationalen"
Wein. Äusseres Zeichen seines Erfolges ist, dass sich die Sforzato-Produktion
in den letzten sieben Jahren verdoppelt hat und 1998 bereits bei 210
000 Flaschen lag.
Der dem Amarone della Valpolicella artverwandte Wein ist objektiv ein
guter Wein und auch für ungeübte Gaumen auf Anhieb als Erstklassgewächs
zu erkennen. Aber gerade von dieser vordergründigen Güte droht
Gefahr: Sein Charakter ist weit mehr durch die Passito-Methode bestimmt
als vom einzigartigen Terroir dieses Alpentales. Aber jede Methode ist
wiederholbar, konzentrierte Weine, Passito?Weine lassen sich andernorts
auch erzeugen.
Sforzato - und Amarone - ähnliche Weine können nicht nur im
Valtellina und im Valpolicella, sondern auch in Süditalien oder
sonstwo erzeugt werden, und wohl erst noch zu weit geringeren Preisen.
Bei allen Vorbehalten sind die besondere Qualität und das Potential
zur langen Lagerung des Sforzato unbestritten. Daran ändert auch
die Tatsache nichts, dass der Sforzato nicht mehr als ein paar Jahrzehnte
kommerzielle Tradition hat. [...]
Je länger mein Aufenthalt im Valtellina dauerte, je mehr Weine
ich verkostete, desto klarer wurde mir, dass ich mich durch den Sforzato
zwar habe anlocken lassen, ihm aber wohl bald den Rücken kehren
würde. [...]
Arturo Pelizzatti Perego (AR.PE.PE.), der Ultratradizionalist
des Valtellina, weigert sich heute- nachdem er einer der ersten war,
der ihn verkaufte - einen Sforzato zu erzeugen: "Der Sforzato ist
nicht der Ausdruck unserer Weinberge, sein Geschmack ist der eines roten
Passito, nicht der eines Valtellina. Unsere besten Weine sind Sassella,
Grumello, Inferno....... ".
[...].Mit Alberto Marsetti, einem der wenigen Selbstvermarkter des
Valtellina, stieg ich die Mauern des Sassella hoch. Die Landschaft,
in der ich mich hier oben, über den Dächern von Sondrio befand,
war von atemberaubender Schönheit. Auf den nackten Fels geklebte
Trockensteinmauern von vier, fünf und mehr Metern Höhe, nur
dazu da, die Erde für sechs oder zehn Rebstöcke zusammenzuhalten,
zwischen denen halsbrecherische Stiegen hinaufführten, vorbei an
einer Flora, wie ich sie sonst nur aus Süditalien kannte. Ich stand
mitten in diesem hängenden Garten von Steinmauern, Reben und steilen
Pfaden und fragte mich, wer und aus welchem Grund sich wohl all diese
Mühe gemacht haben mochte.
"Die Bevölkerung des Valtellina hatte wenig Alternativen.
Als diese Hänge urbar gemacht wurden, war der Talboden Sumpfland,
bebaubares Land war rar," erklärte mir der junge Marsetti,
der neben seinem Winzerberuf auch als Präsident der Winzervereinigung
"Associazione Viticoltori Valtellinesi" mit rund 800 Mitgliedern
wirkt. "Die Bauern bauten an diesen Südhängen Mauern
auf den Fels und schleppten die Erde aus dem Tal hoch."
Aber nicht nur, um Wein zu erzeugen, sondern auch um auf den schmalen
Terrassen Lebensnotwendiges anzubauen, Buchweizen zum Beispiel. Auf
der anderen Seite des Tals scheint die Sonne nur im Hochsommer für
ein paar Stunden. Gras wächst dort am Fuss des Berges, fürs
Vieh, ein paar Obstbäume stehen, aber Trauben könnten dort
nicht ausreifen.
Das Valtellina ist zusammen mit dem schweizerischen Wallis das einzige
Alpental, das von Osten nach Westen verläuft. Die Hänge auf
der Nordseite sind riesige Kollektoren, die die Sonne einfangen. Die
Tagestemperaturen erreichen im Sommer gute 40 Grad und fallen in der
Nacht bis auf 15 Grad runter. Diese extremen TagNacht-Unterschiede erklären
die einzigartige Fruchtkomplexität und die ausserordentliche Eleganz
der besten Weine des Valtellina.
Bei der Kraxelei durch diesen aus anderen Zeiten stammenden Weinbau
- ihn anders als heroisch zu nennen, wäre unpräzis - musste
ich an meine sporadischen Wallfahrten an die Rhone denken. Mit Ehrfurcht
nippte ich abends in einem Lokal irgendwo in der nördlichen Rhone
an einem Glas des Weins, dessen Rebstöcke in schwindelnder Höhe
ich am Tag besucht hatte. Weine, mit deren Erzeugung soviel Aufwand
und soviel Arbeitsstunden verbunden sind, flössen mir Respekt ein.
Irgendwie, so scheint mir beim Trinken solcher Gewächse, spielt
sich der Weingenuss in einer viel höheren Dimensionen ab.
Jeder Erfolg muss im Weinberg wurzeln
Je länger ich im Valtellina weilte, je mehr Produzenten ich kennenlernte,
je mehr Gespräche ich führte, desto tiefer durchdrang mich
die tiefe Weinkultur dieser Gegend. Nach einer Reihe von vielen guten
und einigen unvergesslichen Weinen begann ich mich zu fragen, weshalb
vom Erfolg des Barolo nichts für diesen anderen, in seinen besten
Ausführungen ebenso majestätischen Nebbiolo abfällt.
Was sind die Gründe dafür, dass der Nebbiolo?Durst sich ausschliesslich
auf Barolo und Barbaresco konzentriert?
Die jüngste Generation der Valtellina ist von lange nicht mehr
dagewesenem Format, aber gleichwohl herrscht Ruhe im Valtellina: Vom
Weintourismus, den Weinjournalisten, den Importeuren, die die Toskana
und die Langhe regelrecht belagern, ist hier nichts zu spüren.
[...]Der Schweizer Weinjournalist und Valtellina-Kenner Stefan Keller:
"Die heutige Imagekrise ist direkte Folge der goldenen Jahre, die
jede Entwicklung verhinderte. Es ging den Produzenten hier zu gut. Der
gesicherte Absatz in die Schweiz war Opium für die Produzenten,
man brauchte sich weder Sorgen zu machen, noch besondere Qualität
hervorzubringen."
Die jüngste Geschichte des Valtellina kann noch heute am verkümmerten
und zurückgebliebenen Weinbau abgelesen werden. Die Kolonialisierung
des Valtellina durch den Schweizer Weinmarkt und seine Degradierung
zum Massenweinlieferant machten während Jahrzehnten jede Investition
und jede Erneuerung überflüssig. Und heute, wo ein moderner
Markt besondere Qualität zu belohnen bereit ist, muss mit Erziehungssystemen
und Klonen gearbeitet werden, die längst vergangenen Zeiten angehören.
Der grösste Teil der Rebberge müsste erneuert werden, aber
die Mittel dazu sind oft nicht vorhanden.
Auf dem Höhepunkt der Absatzkrise, 1992/1993, fiel der Traubenpreis
auf 1000/1500 Lire das Kilo, aber manche Trauben wechselten auch für
500 Lire den Besitzer. Von dem Geld konnten sich die Bauern seinerzeit
nicht mal die Spritzmittel kaufen. Mittlerweile hat sich der Traubenpreis
wieder erholt und liegt mit 3000 bis 4000 Lire auf einem Niveau, mit
dem sich leben und arbeiten lässt.
Das Fehlen der Winzer
Eine Besonderheit des Valtellina ist das fast vollständige Fehlen
der Figur des Selbstvermarkters. Das Valtellina zählt zwar rund
3000 Winzer, die Trauben erzeugen, aber die selbstvermarktenden Kleinwinzer
lassen sich an einer Hand aufzählen: Marsetti, Nobili, Leusciatti,
Motalli und Gianatti. Möglich, so Winzerpräsident Marsetti,
dass sich in den kommenden Jahren noch mal vier oder fünf Winzer
dazugesellen, auf Grund der extremen Fraktionierung des Grundbesitzes
sei jedoch eine breite Bewegung wie in der Langhe ausgeschlossen.
Den Ton im Valtellina geben die Grossen an. Sie keltern die Trauben
des Tals, sie vermarkten den Wein, sie bestimmen die Qualität und
den Stil des Valtellina. Man schätzt, dass Nino Negri, Triacca,
Nera, Plozza zusammen mit der CS Villa weit über drei Viertel der
gesamten Valtellina-Trauben vinifizieren. Die Grossen waren es, die
in den Siebzigerjahren den Valtellina dem Weingeschmack der Schweizer
Kneipengänger angepasst haben, sie sind es nun aber auch, die den
Valtellina - wir sprechen vor allem vom Superiore - heute auf einem
Niveau anbieten, das die Appellation in einem ganz neuen Licht erscheinen
lässt.
Zu Hilfe kommt den Produzenten bei ihren offenkundigen Qualitätsbestrebungen
die Natur, die ihnen nach einer Pechsträhne von vier schlechten
Jahrgängen nun seit 1995 nur noch Trauben beschert, mit denen sich
das Potential von Lagen und Nebbiolo ebenso wie der neuerwachte Ehrgeiz
der Kellermeister verwirklichen lässt.
Ein Sonderfall unter den Veltliner Produzenten ist Arturo Pelizzatti
Perego.
Als ich ihm in seinem Keller zuhörte, wie er über Wein philosophierte
und von der hundertfünfzigjährigen Tradition seines Hauses
erzählte, musste ich unwillkürlich an Franco Biondi Santi
denken. Beide haben sie sehr genaue Vorstellungen davon, wie ein typischer
Gebietsvertreter ihrer Appellation zu schmecken hat, beide sind sie
önologische Botschafter einer anderen Zeit, beide strahlen sie
eine Faszination aus, der man sich unmöglich entziehen kann.
Pelizzattis Geschichte ist eigentlich eine tragische: Als 1973 sein
Vater starb, musste Arturo, um seinen Schwestern ihren Erbteil ausbezahlen
zu können, seine historische Kellerei an die famose Winefood -
die misslungene Weinunternehmung der Schweizerischen Kreditanstalt -
verkaufen. Seine Weinberge verpachtete er ebenfalls dem neuen Patron,
der sich zuvor schon die Nino Negri und die Enologica Valtellinese einverleibt
hatte.
Erst im Jahr 1987 konnte Arturo den Keller, in dem er heute ist, von
der Gruppo Italiano Vini - die die Aktivitäten der Winefood übernommen
hatte - zurückkaufen. Die Marke "Pelizzatti" allerdings
ist nach wie vor Eigentum von GIV/Nino Negri. Deshalb ist Arturo nicht
erlaubt, seine Weine mit seinem Nachnamen Pelizzatti Perego zu zeichnen,
sondern er muss sich mit dem seltsamen Kürzel "Ar.Pe.Pe."
begnügen. Waren es während der guten Zeiten 1700 Tonnen Trauben,
die in den Pelizzatti-Kellern gekeltert wurden, sind es heute gerade
noch 65 Tonnen. Sehr gut ist Pelizzatti weder auf Banken als Weinunternehmer,
noch auf italienische Erbgesetze zu sprechen. Wen wunderts?
| Meister der Eleganz
In Signor Arturos Keller stehen grosse Fässer voll mit Lagenweinen
von Jahrgängen, die man eigentlich für längst ausgetrunken
halten würde. Hektoliterweise 90er und andere Kostbarkeiten
hat sich Pelizzatti auf die Seite gelegt, und man weiss nicht
so recht, ob er den Wein nicht verkaufen wollte, oder ob er nicht
konnte... |
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Arturo öffnete bei meinem Besuch zwei alte, von seinem Vater abgefüllte
Weine, die mir die Lächerlichkeit solch bösartiger Unterstellungen
peinlich bewusst machten: einen 61er und einen 42er Sassella. Während
sich der 61 er ehrwürdig gereift, aber immer noch absolut rüstig
zeigte, betörte der 42er durch sein intensives, vielschichtiges
und lebhaftes Bukett. Man musste minutenlang am Glas riechen, um alle
Nuancen erfassen zu können. Die Kraft, die Fülle, die Geschmackstiefe,
die Komplexität und die Länge, die der 58jährige dann
im Gaumen brachte, bestätigte meine Überzeugung, wonach der
Nebbiolo eine der geheimnisvollsten und wertvollsten Traubensorten ist.
Obschon die Ar.Pe.Pe.-Weine allen Regeln der modernen Önologie
und des internationalen Weingeschmacks widersprechen und man die helle,
reifende Farbe und die - vermeintlich - fortgeschrittene Reife der Weine
bemängeln kann, haben die Subtilität, die herrliche Nebbiolo-Frucht
und die Eleganz dieser Weine entscheidend dazu beigetragen, meinem Valtellina-Bild
zu nicht erwarteten Dimensionen zu verhelfen. (Erstaunlicherweise waren
es ausgerechnet diese altertümlichen Ar.Pe.Pe.-Weine, die
in der geöffneten Flasche am längsten frisch blieben, bezeichnenderweise
waren es die Barriqueweine, die zuerst oxydierten.). [...]
Ich bin der Meinung, dass mit Feingefühl aus optimalen Trauben
gekelterte Sassella, Grumello, Inferno oder Valgella Weine sind, die
zum Grössten gehören, was Italien zu bieten hat. Nicht punkto
Konzentration natürlich, sondern im Bezug auf Eleganz, auf die
Raffinesse der Frucht, auf die Komplexität und die Langlebigkeit.
Eigenschaften, die aus dem Zusammenwirken des Nebbiolo und des unvergleichlichen
Terroirs des Valtellina erwachsen.
Wie in jeder Appellation gibt es auch hier jedes Jahr
natürlich nur wenige Etiketten, in denen das ganze Potential von
Sorte und Boden voll zum Ausdruck kommt. Wie in jeder Appellation muss
von jedem einzelnen
Weinmacher jedes Jahr von neuem an der Verwirklichung des "grossen
Valtellina" gearbeitet werden. Manchmal gelingt dies besser, manchmal
macht der Jahrgang einen Strich durch die Rechnung.
Am ehesten und am häufigsten zum Ziel werden bestimmt Produzenten
kommen, die auf hohe Traubenqualität zählen können (weil
sie diese zu bezahlen bereit sind ... ), die mit den vom neuen Disziplinar
zugelassenen 10 Prozent "andere Sorten" nicht Missbrauch treiben
und die auf verbessernde, aber geschmacksverändernde Elemente wie
Mostkonzentrat, neue Barriques, Mostkonzentration sowie Verschnitt mit
fremden Weinen verzichten. Falls die Produzenten mit Entschiedenheit
in Qualität und Stil investieren und sich in ihrem Erfolgsdurst
nicht von "internationalen" Abkürzungen verlocken lassen,
ist absolut vorstellbar, dass sich in nächster Zukunft mancher
preisgestresste Barolo-Fan in den einen oder anderen terroirgeprägten
Valtellina-Klassiker verliebt.
Angesichts der Preissituation könnte man sich eine baldige Wiederauferstehung
dieses vergessenen italienischen Klassikers absolut vorstellen: Das
mittlere Segment (Superiore mit oder ohne Lagenbezeichnung) verfügt
über eine ausgesprochen interessante Preisleistung und die Topweine
(in der Regel sind sie Superiore und tragen die Zusatzbezeichnung Riserva)
kosten im Handel derzeit nicht mehr als 20 bis höchstens 30 DEM/CHF.
Allerdings ist das Valtellina mit 800 Hektar Weinbergen ein vergleichsweise
kleines Weingebiet. Die zwei Millionen Flaschen Superiore werden im
gleichen Moment zu knapp sein, wo sich im Markt auch nur minimale Anzeichen
von Interesse für Sassella, Grumello, Inferno und Valgella bemerkbar
machen. Möglicherweise werden wir uns dann wie in der Langhe über
zu hohe Preise, ausverkaufte Weine und verriegelte Kellertüren
ärgern müssen...
Aber soweit ist es noch nicht, vorerst ist im Valtellina nicht der
Wein der König, sondern der Kunde!
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