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Andreas März, Merum, Februar - März 2004

VALTELLINA: BLAÜBLUTER MIT BOURGEOISEN AMBITIONEN

Andreas März, Chefredakteur

Von Andreas März

Der Valtellina wird wie Barolo, Barbaresco und die großen Weine des Nordpiemonts aus Nebbiolo-Trauben gekeltert. Der Valtellina stammt aus einer kühlen Gegend mit hohen Tag-Nacht-Temperaturunterschieden und zeichnet sich aus diesem Grund meist durch mäßigen Alkohol, kernige Tannine, charaktervolle Säure und eine besonders ausgeprägte Nebbiolo-Frucht aus.
Die Kosten sind hier, wo meterhohe Mauern erklommen werden müssen, um von einer Parzelle zur anderen zu gelangen, und wo selbst minimale Mechanisierung oft nicht möglich ist, ungleich höher als in den meisten anderen Weingebieten Italiens.
Der Valtellina Superiore DOCG wird in geringen Mengen erzeugt, die Anbaufläche beträgt nur rund fünfhundert Hektar. Für mich persönlich gehört der Valtellina zu den wirklich großen Weinen dieser Welt: Ich stelle ihn auf die gleiche Stufe wie Barolo und Burgunder. Seine Eleganz und seine Langlebigkeit haben wenig ihresgleichen! Zumindest von den Anlagen her…
Statt nämlich eine Weinkundschaft anzusprechen, die nur bestimmte, modische Merkmale als Qualitätszeichen versteht, könnten es sich die Valtellina-Winzer leisten, den kleinen, aber feinen und vor allem treuen Markt der erfahrenen Weinliebhaber anzupeilen. Diese allein sind auf die Dauer bereit, für Terroir-Erlebnisse den entsprechenden Preis zu bezahlen.
Zehn Prozent Toleranz bezüglich Sortenwahl lassen die Produktionsregeln zu. Aber fremdartig vegetale Noten haben im Valtellina nichts zu suchen. Das ist nicht geschmacksverbessernd, sondern geschmacklos!
Wie überall in Italien sind auch hier im Valtellina nur sehr wenige Winzer in der Lage, mit neuem Holz bessere Weine zu machen als mit den herkömmlichen, großen Holzfässern. Ich kann Valtellina-Weinen einfach wenig abgewinnen, bei denen die charakteristischen Nebbiolo-Noten von süßlichem, an frisches oder verkohltes Eichenholz, Gewürze und Coca Cola erinnerndem Geruch überdeckt wurden.
Leider ist der Holztrend hier offensichtlich am Zunehmen. Angefeuert vom zweifelhaften Applaus mancher Meinungsmacher, übertreibt es heute selbst ein Rainoldi. Auch dieser Produzent, der früher eine außerordentlich gefühlvolle Hand mit neuem Holz zeigte (ich erinnere mich an die äußerst geglückte Gratwanderung seines 95er Sassella Riserva), rührt heute seine Weine mit der großen Holzkelle an.
Eine Mischung aus Wehmut und Ärger packt mich bei der Verkostung dieser Weine auch deshalb, weil die hervorragende Basis des Ausgangsmaterials trotz des Holzeinsatzes noch erkennbar ist und ahnen lässt, um welche Genüsse ich hier gebracht werde.
Ein traditionell ausgebauter Valtellina aus wertvollem Traubengut ist einer der elegantesten und langlebigsten Weine überhaupt! Ich kann deshalb nicht verstehen, weshalb manche Produzenten in diesem lombardischen Alpental sich mit der naturgegebenen Noblesse ihres Weins nicht begnügen wollen, und, statt diese zur Perfektion zu führen, önologischen Moden hinterherlaufen.
Ich verstehe, dass ein Nobody-Wein von irgendwoher - um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen - auf Barriquewürze, Cabernet-Doping und im Keller erzielte Konzentration angewiesen ist. Unverständlich hingegen ist für mich, weshalb klassische Schönheiten mit der gleichen dicken Schminke unkenntlich gemacht werden wie banale Allerweltsweine.
Unsere Verkostungen erfolgen rigoros bei verdeckten Flaschen. Gleichwohl gibt es in jeder Appellation Weine, die man aus allen unweigerlich herausriecht und herausschmeckt. Zu diesen gehören neben anderen zum Beispiel die Weine von Dal Forno, die von Quintarelli, der Montepulciano von Valentini, die von Poggio Antico, Cacchiano und Castellare, und hier im Valtellina die Riserva des Weingutes Ar.Pe.Pe. Allein schon die helle, reife Farbe verrät die Riserva des Signor Arturo, eines dickschädligen Traditionalisten, der Weine für sentimentale Retro-Gaumen wie den meinen maßschneidert. Signor Arturo macht unbeirrbar seine Weine für moderesistente Önostalgiker. Wer dunkle, moderne Weine mag, sollte meine begeisterten Wertungen für dessen Gewächse daher auf keinen Fall als Kaufempfehlungen nehmen. Wer aber für den Zauber von traditionell ausgebauten Nebbiolo-Weinen anfällig ist, der kommt bei Ar.Pe.Pe. auf seine Kosten.
Wie das bei vielen großen Terroirweinen der Fall ist, überzeugen auch die klassischen Valtellina nicht immer bei der ersten Begegnung. Aber das ist nur natürlich, denn Terroirweine - so postuliere ich - kann nur schätzen, wer sich mit ihnen auseinandersetzt! Kompromisslose Terroirweine haben es schwer, sich neue Freunde zu machen, auf der anderen Seite kommt stets wieder zu ihnen zurück, wer sie einmal schätzen gelernt hat! am


Ar.Pe.Pe., Sondrio (SO)
30 000 Flaschen/11 Hektar
Tel. 0342 214120; Fax 0342 214120
www.arpepe.com; arpepe@libero.it
Valtellina Superiore Grumello DOCG Riserva Buon Consiglio 1995
*** - **** JLF
6950 Flaschen; L. 2 95; eine Abfüllung
Helles Granat; wirkt bei der Erstverkostung recht reif, auch Teernoten, mit den Stunden tiefe, frische Nebbiolo-Frucht; sehr feiner Ansatz, samtiges Tannin, Tiefe, reife Frucht, sehr lang; zeigt erst nach 24 Stunden sein ganzes Potential. 2004 - 2015.
Ar.Pe.Pe., Sondrio (SO)
Valtellina Superiore Sassella DOCG Riserva Vigna Regina 1995
**** JLF
4395 Flaschen; L. 265; eine Abfüllung
Ziemlich helles Granat; betörende, unglaublich vielschichtige Nase, Noten von Trüffel, Petrol, Waldlaub, Waldbeeren, enorm tief; Kraft, sehr dichter Wein, viel Nebbiolo-Tannin, enorm elegant, von bestem, burgundischem Charme, gesunde Säure, saftig, reiche, ausgereifte Valtellina-Frucht, enorm lang; ein im ersten Moment reif wirkender, sich dann von Stunde zu Stunde verjüngender Wein; für Liebhaber dieser erz-traditionellen Richtung ein Erlebnis. 2004 - 2015.
Ar.Pe.Pe., Sondrio (SO)
Valtellina Superiore DOCG Sassella Stella Retica 1998
**-**** JLF
12 700 Flaschen; L. 3 58; mehr als eine Abfüllung
Mittelhelles, reifendes Rot; eher verhaltene Nase, mineralische Noten von Gestein, Beerenkompott; recht dicht, gute Säure, elegant, etwas rustikal, heftiges Tannin. 2005 - 2010.
Ar.Pe.Pe., Sondrio (SO)
Valtellina Sup. DOCG Sassella Ris. Rocce Rosse Botte n. 5 1997
**-***
5399 Flaschen; L. 1 17; eine Abfüllung
Mittleres, warmes Rot; nicht ganz klare Noten von roten Früchten, mineralische Noten; Kraft und Fruchtsüße, potentes, noch kantiges Tannin, Länge, sehr jung, etwas rustikal. 2007 - 2015.
Ar.Pe.Pe., Sondrio (SO)
Valtellina Superiore DOCG Riserva Rocce Rosse 1996
***-****
13 263 Flaschen; L. #; mehr als eine Abfüllung
Reifendes, mittelhelles Hellrot; Noten von Teer, Stroh, Backpflaumen, tiefe Nebbiolo-Frucht; geschmeidiger Ansatz, rund, dann große Kraft, Teer, tiefe Nebbiolo-Frucht, gesunde Säure, etwas Butter, noch sehr jung, Länge auf charaktervollem Valtellina-Tannin. 2006 - 2015.
Ar.Pe.Pe., Sondrio (SO)
Valtellina Superiore DOCG
Grumello Rocca de Piro 1998
**
6600 Flaschen; L. 3 280; eine Abfüllung
Reifendes, mittelhelles Rot; Noten von roten Beeren; Süße, marmeladige Frucht, müsste eleganter und länger sein, herbes Tannin.

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